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Bohrlochreaktor in Kansas: Atomkraft aus 1,8 Kilometern Tiefe

Geologe untersucht Bodenproben an einer Bohrstelle mit schwebendem Erdball im Hintergrund.

Eine Firma aus Kalifornien lässt in der amerikanischen Provinz Bohrlöcher anlegen, die nur wenig breiter als ein großer Teller sind, jedoch mehr als 1,8 Kilometer tief reichen. In dieser Tiefe soll ein kompakter Atomreaktor versenkt werden, umgeben von Wasser und festem Gestein. Dahinter steht die Idee, dass die Geologie Funktionen übernimmt, für die sonst viele Tausend Tonnen Beton und Stahl erforderlich wären.

Bohrungen in Kansas: Vom Konzept zur realen Anlage

Nahe Parsons im US-Bundesstaat Kansas haben die Teams im März mit den ersten Bohrarbeiten begonnen. Vorgesehen sind drei sogenannte Erkundungsbohrungen. Damit soll geprüft werden, ob der Untergrund tatsächlich die Stabilität bietet, die die Computermodelle des Unternehmens erwarten lassen.

Jeder dieser Schächte soll etwa 1830 Meter tief und lediglich rund 20 Zentimeter breit sein. Zum Einsatz kommt Technik aus der Öl- und Gasindustrie: widerstandsfähige Bohrgestänge, etablierte Werkzeuge und bekannte Abläufe. Gegenüber dem Bau konventioneller Kraftwerke soll dies Kosten deutlich reduzieren und die Umsetzung beschleunigen.

Auf den ersten Blick erscheint Kansas als wenig spektakulärer Standort. Gerade das spricht für die Region. Die Gesteinsschichten gelten als alt, verdichtet und seismisch ruhig, also als vergleichsweise wenig erdbebengefährdet. Wasser kann nur schwer eindringen, da die Formationen weitgehend dicht sein sollen. Für ein Sicherheitskonzept, das auf natürlichen Einschluss statt auf massive Betonbauten setzt, ist das ein entscheidender Vorteil.

Die Firma plant, ab Juli 2026 mit einem ersten unterirdischen Reaktor Strom zu liefern – direkt aus einem tiefen Bohrloch.

Sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind, soll ein vierter Schacht folgen: das eigentliche Reaktionsbohrloch. Der Reaktor wird dann an einem Kabel vertikal in eine mit Wasser gefüllte Kammer hinabgelassen, fast zwei Kilometer unter die Erdoberfläche.

Wie ein Atomreaktor in ein Bohrloch passt

Technologisch lehnt sich der Ansatz an herkömmliche Druckwasserreaktoren an, die weltweit seit Jahrzehnten betrieben werden. Als Brennstoff dient schwach angereichertes Uran von einem US-Ableger des Uranlieferanten Urenco. Die physikalischen Grundlagen bleiben damit vertraut, während sich die bauliche Ausführung grundlegend verändert.

Der vorgesehene Reaktor soll ungefähr 15 Megawatt thermische Leistung erzeugen. Nach der Umwandlung in elektrische Energie verbleiben etwa 5 Megawatt. Damit ließe sich zum Beispiel versorgen:

  • ein mittelgroßer Industriepark,
  • ein abgelegenes Bergwerk,
  • oder ein Rechenzentrum mit hohem Grundlastbedarf.

Neben Großkraftwerken im Gigawattbereich wirkt diese Leistung gering. Genau diese kleinere Dimension gehört jedoch zum Konzept: Statt weniger riesiger Blöcke sollen zahlreiche modulare Einheiten eingesetzt werden. Die Form des Bohrlochs verlangt einen schlanken, zylinderförmigen Aufbau. Sämtliche Bauteile müssen durch den engen Schacht passen; Wartung und Austausch sollen von oben mithilfe von Kabeln und Rohren erfolgen.

Die Felswand als Sicherheitsmantel

Der wesentliche Ansatz liegt im Zusammenspiel von Wasser und Fels. In rund 1800 Metern Tiefe steht die Wassersäule über dem Reaktorkern unter gewaltigem Druck – etwa 160-mal höher als an der Oberfläche. Diese natürliche Druckumgebung soll einen Teil der besonders dicken Stahlbehälter ersetzen, die sonst notwendig wären.

Zugleich übernimmt das umgebende Gestein die biologische Abschirmung. Bei klassischen Kraftwerken erfüllen mehrgeschossige Betongebäude mit meterstarken Wänden diese Funktion. Unter Tage sollen Sediment- und Gesteinsschichten schützen, die sich seit Millionen Jahren kaum bewegt haben.

Im Störfall sollen radioaktive Stoffe rund zwei Kilometer tief im Fels eingeschlossen bleiben – abgeschottet von Grundwasserströmen und bewohntem Gebiet.

Nach Darstellung der Entwickler bliebe ein möglicher Schaden bei einem Reaktorversagen buchstäblich im Bohrloch. Statt eines zerstörten Reaktordoms oder eines großflächig kontaminierten Gebiets gäbe es einen verschlossenen Schacht, der im Laufe der Zeit abkühlt.

Kosten, Tempo, Rendite: Warum Investoren 80 Millionen Dollar geben

Ein oberirdisches Kernkraftwerk kostet häufig zweistellige Milliardenbeträge und benötigt viele Jahre bis zur Fertigstellung. An diesem Punkt setzt die Bohrloch-Variante an. Mit standardisierten Bohranlagen und kleineren Modulen verspricht die Firma, eine Anlage innerhalb von rund sechs Monaten vollständig bauen zu können.

Laut Unternehmensangaben könnten die Investitionskosten je installiertem Megawatt auf ein Fünftel sinken. Wesentlich ist auch, dass an der Oberfläche nur relativ kleine technische Gebäude erforderlich wären: keine riesigen Betonfestungen, keine Kühltürme und keine prägnante Industrie-Silhouette. Das senkt den Materialbedarf, verringert Genehmigungsrisiken und könnte Konflikte mit Anwohnern reduzieren.

Dieses Gesamtpaket zieht Kapitalgeber an. Bereits rund 80 Millionen Dollar Risikokapital wurden zugesagt. Im günstigsten Fall entsteht ein neues Marktsegment: modulare und schnell errichtbare Atomkraft für Industriekunden mit verlässlichem Energiebedarf, begrenztem Platz und ohne Bereitschaft, sich jahrelang an ein Großprojekt zu binden.

Zielgruppe Rechenzentren und abgelegene Standorte

Im Fokus des Unternehmens steht vor allem dezentraler Energiebedarf. Weltweit entstehen immer mehr Rechenzentren, angetrieben durch Cloud-Dienste, Streaming und KI-Anwendungen. Diese Serverparks benötigen eine kontinuierliche Stromversorgung rund um die Uhr – etwas, das Wind- und Solarenergie allein nur schwer gewährleisten können.

Ein unterirdischer Reaktor im Bohrloch soll dabei mehrere Vorteile bieten:

  • kontinuierliche Stromerzeugung unabhängig von Wetter und Tageszeit,
  • äußerst geringer Flächenbedarf über Tage,
  • keine sichtbare Großanlage mit politisch sensibler Symbolwirkung,
  • ein Standort nahe beim Verbraucher, der den Netzausbau verringert.

Auf lange Sicht könnte der Ansatz auch abgelegene Gebiete versorgen, in denen eine Anbindung an große Übertragungsnetze fehlt oder nur mit erheblichem Aufwand möglich wäre.

Sicherheitsversprechen und offene Fragen

Das Sicherheitsmodell beruht in hohem Maße auf passiven Vorgängen. Nach einer Notabschaltung soll die Wassersäule oberhalb des Reaktorkerns die Kühlung übernehmen. Erhitztes Wasser steigt auf, während kälteres Wasser aus höheren Schichten absinkt – ein natürlicher Kreislauf ohne Pumpen. Diese Konvektion soll eine Kernschmelze verhindern, auch bei einem vollständigen Ausfall der Stromversorgung.

Die vertikale Anordnung im schmalen Schacht bringt einen weiteren Effekt mit sich: Horizontale Erschütterungen bei Erdbeben sollen auf ein schlankes, tiefes System weniger stark wirken als auf weitläufige Gebäude an der Erdoberfläche. Theoretisch verringert das das seismische Risiko.

Dennoch bleiben zahlreiche Punkte ungeklärt, die Behörden und Öffentlichkeit beschäftigen dürften:

Thema Offene Punkte
Langfristige Dichtheit Wie verhalten sich Bohrlochverrohrung und Fels über Jahrzehnte oder Jahrhunderte?
Rückbau Wie lässt sich ein derart tief installierter Reaktor sicher stilllegen und versiegeln?
Abfall Bleiben abgebrannte Brennelemente im Schacht oder werden sie an die Oberfläche geholt?
Genehmigung Wie reagieren Aufsichtsbehörden auf ein völlig neues Reaktordesign?

Was ein Bohrlochreaktor von herkömmlicher Atomkraft unterscheidet

Obwohl im Inneren bekannte Nukleartechnik arbeitet, verändert der Bohrlochreaktor mehrere Grundannahmen der Atomdebatte. Die Anlagen sind klein, skalierbar und optisch beinahe unsichtbar. Sie bauen auf verbreiteter Bohrtechnik auf, statt auf Spezialbauten weniger Hersteller. Zudem wird die geologische Tiefe nicht nur als Standort genutzt, sondern zum zentralen Element des Sicherheitskonzepts.

Auch für die öffentliche Wahrnehmung könnte dies relevant sein: Statt einer gewaltigen und sichtbaren Anlage am Flussufer tritt eine Technik in Erscheinung, die eher einem unauffälligen Industrieprojekt ähnelt. Kritische Fragestellungen verschieben sich damit stärker in den Untergrund sowie auf die langfristige Beobachtung von Fels, Wasser und Bohrlochverrohrung.

Die Begriffe „kritisch“ oder „kritikal“ stehen hier nicht für ein Risiko. Sie bezeichnen den Zeitpunkt, an dem der Reaktor genügend Neutronen freisetzt, um die Kettenreaktion eigenständig aufrechtzuerhalten. Erst dann beginnt die vorgesehene dauerhafte Stromerzeugung. Nach Angaben an das US-Energieministerium soll dieser Zustand im Sommer 2026 erreicht werden, sofern sämtliche Tests planmäßig verlaufen.

Energiepolitisch sendet das Vorhaben ein Signal: Kerntechnik verschwindet nicht aus der Diskussion, sondern verändert ihre Form und ihren Maßstab. Ob sich Reaktoren in Bohrlöchern letztlich als praktikable Ergänzung zu Windkraft, Solarenergie und Speichern etablieren, entscheidet sich nicht im Labor, sondern in realer Tiefe unter den Feldern von Kansas.

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