Auf einem Solarpark neben dem Werk von Volkswagen Poznań in Września im Westen Polens gehört inzwischen auch eine Schafherde zum Wartungsteam.
Fast 100 Großpolnische Schafe weiden unter mehr als 31.000 Modulen und halten den Bewuchs kurz, der andernfalls mit Maschinen gemäht werden müsste.
Die ungewöhnliche Lösung entwickelt sich zugleich zu einem Forschungsstandort im großen Maßstab. Die Schafe sorgen nicht dafür, dass die Module mehr Strom erzeugen.
Vielmehr verändern sie den Betrieb eines 67 Acres großen industriellen Energiestandorts, während Wissenschaftler untersuchen, ob Stromerzeugung und Tierhaltung dieselbe Fläche nutzen können.
Diese praktische Doppelnutzung ist die eigentliche Geschichte hinter den Bildern.
Schafe ersetzen die Mäher
Den Bewuchs einer Solaranlage kann man nicht einfach sich selbst überlassen. Hohe oder verholzte Pflanzen können Zugänge versperren und Inspektionen erschweren; herkömmliche Mäher müssen zudem Metallträger und elektrische Anlagen umfahren.
Schafe gelangen dagegen durch die engen Reihen und fressen die Vegetation dicht über dem Boden ab.
Die Herde kam Ende April 2026 an und soll unter der ständigen Betreuung erfahrener Züchter bis in den Herbst bleiben.
Die Tiere gehören zur Rasse Großpolnisches Schaf, die in der Region entwickelt wurde und heute Teil eines Programms zur Erhaltung genetischer Ressourcen ist.
Marzena Pillich-Grońska, Leiterin des Werks in Września, erklärte, das Beweidungsprojekt zeige, dass moderne Industrie „im Einklang mit der Natur arbeiten“ könne.
Dieser Anspruch ist hoch, doch eine betriebliche Änderung ist bereits deutlich: Das mechanische Mähen ist nicht länger die Standardmethode für die Pflege der Anlage.
Ein wichtiger Stromlieferant für das Werk
Der von Quanta Energy errichtete und betriebene Solarpark erstreckt sich über rund 67 Acres und verfügt über eine Erzeugungsleistung von 18,3 Megawatt. Diese Kennzahl beschreibt, wie viel Strom die Anlage gleichzeitig bereitstellen kann.
Das Unternehmen und die Universität bezeichnen ihn als eine der größten Solarinstallationen Europas direkt an einem Industriestandort.
An sonnigen Tagen können die Module den gesamten Strombedarf des Werks decken.
Über ein vollständiges Jahr gerechnet liefert die Anlage jedoch rund 25 Prozent des Strombedarfs des Werks.
Ähnlich wie bei einer Haushaltsstromrechnung sagt die Jahressumme mehr aus als ein einziger perfekter Sonnentag.
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Die Schafe erhöhen nicht die Strommenge, für die das System ausgelegt ist, und die offizielle Mitteilung nennt keine gemessene Steigerung des Modulwirkungsgrads.
Ihre Aufgabe besteht in der Flächenpflege und der Unterstützung der Forschung, nicht in der Stromerzeugung.
Agri-Photovoltaik einfach erklärt
Agri-Photovoltaik bezeichnet die Nutzung derselben Fläche für Solarstrom und Landwirtschaft.
Der landwirtschaftliche Teil kann Ackerbau, weidende Tiere oder Lebensräume umfassen, die für Bienen und andere Bestäuber angelegt werden. Praktisch bedeutet das, dass eine Fläche zwei Aufgaben erfüllt, statt nur einer Nutzung vorbehalten zu sein.
Für viele Solarstandorte eignen sich Schafe besonders gut, weil sie sich zwischen den Modulträgern bewegen können und die Konstruktionen als Unterschlupf nutzen.
Eine Feldstudie aus dem Jahr 2023 mit 80 Schafen auf einem Solarpark in Kalifornien ergab, dass die Tiere in den beweideten Solarbereichen mehr Zeit mit Fressen verbrachten als auf einem nahe gelegenen Weideland.
Die Forschenden vermuteten, dass die Module Schutz vor Hitze, Wind und Regen geboten haben könnten, betonten jedoch den vorläufigen Charakter der Untersuchung.
Eine Herde lässt sich dennoch nicht einfach hinter einem Zaun aussetzen und vergessen. Wasserversorgung, Zäune, Schutz vor Raubtieren, sichere Kabelführung und Zugang für die regelmäßige Wartung müssen geplant werden.
Auch der Weideplan ist wichtig: Die kalifornische Studie zeigte, dass der Zeitpunkt der Umtriebe beeinflusste, wie lange die Tiere fraßen.
Wissenschaftler beobachten das gesamte System
Forschende der Naturwissenschaftlichen Universität Poznań untersuchen Tierwohl, Verhalten, Weidequalität, Bodeneigenschaften und das Mikroklima – also Temperatur- und Feuchtebedingungen in unmittelbarer Nähe der Module.
Dr. Joanna Składanowska-Baryza sagte, die Agri-Photovoltaik ermögliche es Forschenden, Solarparks „viel umfassender als allein unter dem Aspekt der Energieerzeugung“ zu betrachten.
Ziel ist es, praxisnahe Regeln für die Verbindung erneuerbarer Energien mit landwirtschaftlicher Flächennutzung zu entwickeln.
Die ersten Beobachtungen sind ermutigend, stellen aber noch keine endgültigen Ergebnisse dar. Herdenbesitzerin Justyna Nowak-Gajek berichtete, die Tiere hätten sich in kleinere Gruppen aufgeteilt und ruhig in verschiedenen Bereichen geweidet.
Sie wies darauf hin, dass sich bedroht fühlende Schafe üblicherweise eng zusammendrängen.
Schatten gehört zu den zentralen Fragen. Eine separate, begutachtete Studie aus dem Jahr 2023 unter tropischen Bedingungen ergab, dass der Schatten von Solarmodulen Anzeichen von Hitzebelastung bei Schafen verringerte.
Polen unterscheidet sich jedoch bei Klima, Rasse und Modulanordnung. Deshalb sind lokale Messungen erforderlich, statt Schlussfolgerungen zu übernehmen.
Biodiversität muss noch belegt werden
Nach Angaben des Unternehmens fördert der Standort Biodiversität, die lokale Landwirtschaft und wissenschaftliche Erkenntnisse. Die Mitteilung vom Juli veröffentlichte jedoch keine Vorher-Nachher-Zählungen zu Insekten, Pflanzenarten oder Bodenveränderungen.
Aussagen, wonach die Herde bereits ein artenreicheres Ökosystem geschaffen habe, sollten daher als derzeit untersuchte Möglichkeit und nicht als abgeschlossene wissenschaftliche Erkenntnis verstanden werden.
Die Untersuchung ist durchaus begründet. Eine Studie aus dem Jahr 2024 an drei Solarstandorten in Minnesota stellte fest, dass der Anteil der von heimischen Pflanzen bedeckten Fläche unter den Anlagen nach einem Jahr von rund 10 Prozent auf 58 Prozent nach drei Jahren stieg.
Die Forschenden erfassten 68 der 101 ausgesäten Pflanzenarten, was zeigt, dass sich unter Modulen geeignete Lebensräume entwickeln können.
Die Untersuchung in Minnesota befasste sich mit bestäuberfreundlicher Vegetation, nicht mit weidenden Schafen. Sie liefert einen Kontext, aber keinen Nachweis für das polnische Projekt.
Das Ergebnis in Września hängt von den bereits vorhandenen Pflanzen, der Tierzahl, dem Weideplan, dem Wetter, dem Boden und dem langfristigen Management ab.
Eine einfache Idee mit ernsthaftem Praxistest
Das Projekt fällt auf, weil sein wichtigstes Werkzeug weder ein Roboter noch ein neuer Mäher oder künstliche Intelligenz ist. Es handelt sich um ein vertrautes Nutztier inmitten moderner Energieinfrastruktur.
Dadurch können regelmäßige Mähfahrten und der Einsatz mechanischer Schneidgeräte verringert werden, auch wenn das Unternehmen keine genauen Einsparungen bei Kosten oder Emissionen veröffentlicht hat.
Für Betreiber von Solaranlagen liegt das weitergehende Potenzial in einer besseren Flächennutzung. Landwirten könnte dies Zugang zu Weideland und neue Verträge für Beweidung eröffnen.
Die Lösung funktioniert jedoch nur, wenn die Tiere gesund bleiben, Techniker die Anlagen sicher erreichen können, die Vegetation unter Kontrolle bleibt und ökologische Verbesserungen messbar sind.
Wie geht es weiter? Die Herde soll bis in den Herbst bleiben, während die Forschenden weiterhin Daten sammeln.
Das wichtigste Ergebnis wird nicht sein, dass die Schafe auf Fotos zufrieden wirken, sondern ob die Daten sichere Tiere, wirksame Wartung und gesünderes Land belegen, während das Werk weiterhin Solarstrom bezieht.
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