Windräder, Solarfelder und Staudämme: Europa wurde lange als Vorbild der Energiewende angesehen. Aktuelle Zahlen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Ein Staat beherrscht den Markt für grünen Strom mittlerweile derart klar, dass selbst klassische Vorreiter wie Norwegen und Schweden nur noch Nebenrollen spielen.
China als Kraftwerk der Energiewende
Wenn von erneuerbaren Energien die Rede ist, denken viele zunächst an Skandinavien: an Norwegens Wasserkraftwerke, Islands Geothermie sowie Wind- und Biomasseenergie in Schweden. Tatsächlich liegt jedoch ein anderer Akteur an der Spitze: China. Seit Jahren erweitert das Land seine Kapazitäten für sauberen Strom in einem Tempo, das in Europa kaum denkbar wäre.
Inzwischen befindet sich ein großer Teil der weltweit neu errichteten Wind- und Solaranlagen in China. Fachleute gehen davon aus, dass dort mehr neue grüne Kraftwerksleistung ans Netz angeschlossen wird als in ganz Europa zusammen. Zwischen der Wüste Gobi und der Küste der Provinz Guangdong werden riesige Solarparks und Windfarmen gebaut.
China installiert jedes Jahr so viele neue Wind- und Solaranlagen, dass der Rest der Welt Mühe hat, mitzuhalten.
Auch bei der Wasserkraft setzt China auf enorme Dimensionen. Große Staudämme erzeugen beträchtliche Mengen CO₂-armen Stroms und fungieren zugleich als Speicher, um die schwankende Einspeisung von Wind- und Sonnenenergie auszugleichen.
Wie China Rekorde „grün“ sammelt
Chinas Vorsprung beruht nicht allein auf einzelnen Großvorhaben, sondern auf einer Reihe politischer Weichenstellungen. Die Regierung verbindet Energiepolitik eng mit Industriepolitik und Klimazielen. Das schafft Geschwindigkeit.
- Umfangreiche Förderprogramme für Wind- und Solarparks
- Kredite staatlicher Banken für grüne Infrastruktur
- Ausbau der Stromnetze über große Entfernungen
- Förderung der heimischen Produktion von Solarmodulen und Windturbinen
Mittlerweile beherrscht China die Herstellung von Solarmodulen sowie zahlreicher Bauteile für Windkraftanlagen. Das reduziert die Kosten im eigenen Land und erhöht die Wirtschaftlichkeit neuer Projekte. Zugleich exportiert China die Technik weltweit und profitiert damit doppelt: als Erzeuger von Strom und als Lieferant der Ausrüstung.
Solarparks in Wüsten, Windräder auf dem Meer
Der Blick auf eine Karte verdeutlicht die Größenordnung. In entlegenen Wüstengebieten entstehen Solarfelder, die sich über viele Dutzend Kilometer ziehen. Vor den Küsten werden Offshore-Windparks errichtet, deren gebündelte Leistung Werte erreicht, von denen zahlreiche EU-Länder nur träumen können.
Auch frühere Kohlereviere verändern sich. Stillgelegte Tagebaue werden zum Teil für Photovoltaik und Windkraft umgenutzt. Dadurch entstehen neue Arbeitsplätze, während zugleich kommunale Steuereinnahmen gesichert werden.
Europa: Vom Spitzenreiter zum Mitläufer
Während China einen Rekord nach dem anderen aufstellt, stößt Europa auf zahlreiche Hindernisse. Die EU verfolgt zwar ambitionierte Ziele und hat teilweise strengere Klimavorgaben als andere Weltregionen, doch der Ausbau stockt vielerorts.
Genehmigungen für Windparks nehmen häufig Jahre in Anspruch. Bürgerinitiativen, Klageverfahren und langwierige Umweltprüfungen verzögern Vorhaben. Beim Netzausbau fehlen zudem Leitungen, um Strom aus windstarken nördlichen Regionen in die Industriegebiete im Süden zu bringen.
Europa hat ambitionierte Klimaziele, aber der Bau neuer Anlagen für grünen Strom kommt vielerorts zu langsam voran.
In mehreren Ländern bremsen politische Auseinandersetzungen den Ausbau zusätzlich. Konflikte über Abstände zwischen Windrädern und Wohnhäusern, Debatten zum Landschaftsschutz sowie Widerstand gegen neue Hochspannungsleitungen führen immer wieder zu Stillstand.
Die USA im weltweiten Wettbewerb
Hinter China liegen die USA bei der Erzeugung erneuerbarer Energien auf dem zweiten Platz. Bereits heute liefern große Windparks im Mittleren Westen, Solarfarmen in Arizona, Texas und Kalifornien sowie mächtige Wasserkraftwerke im Nordwesten erhebliche Mengen grünen Stroms.
Mit Förderprogrammen im Milliardenumfang will Washington im Wettbewerb mit China aufholen und zugleich die Abhängigkeit von Importen reduzieren. Davon profitieren auch dort ansässige Hersteller von Solarmodulen, Batterien und Stromnetzen.
Was genau zu „erneuerbarem Strom“ zählt
Viele verbinden den Begriff im Alltag vor allem mit Windrädern und Solarmodulen. Tatsächlich umfasst er wesentlich mehr. Üblicherweise gehören dazu:
- Wasserkraft – Strom aus Flüssen und Stauseen
- Windenergie – an Land und auf See
- Solarenergie – Photovoltaik sowie solarthermische Anlagen
- Biomasse – beispielsweise Restholz, Biogas oder Energiepflanzen
- Geothermie – die Nutzung von Erdwärme
Einige Statistiken rechnen außerdem Müllverbrennungsanlagen anteilig hinzu, sofern diese biogene Bestandteile verwerten. Gerade solche Einzelheiten erschweren den Vergleich zwischen Regionen, weil nicht überall dieselben Maßstäbe gelten.
Solar, Wind und Wasser: Welche Energieform führt?
In China nimmt besonders die Photovoltaik schnell zu. Enorme Produktionskapazitäten senken die Preise, während das Land neue Flächen rasch erschließen kann. Auch die Windkraft wächst deutlich, wobei Offshore-Anlagen zunehmend wichtiger werden.
In vielen europäischen Ländern bleibt die Wasserkraft zwar konstant, doch neue Großprojekte stoßen auf Widerstand oder lassen sich geologisch kaum noch umsetzen. Daher müssen Windkraft und Solarenergie immer stärker die entstehende Lücke schließen, wenn Kohle- und Gaskraftwerke abgeschaltet werden.
Was Chinas grüner Vormarsch für Deutschland bedeutet
Für Deutschland und seine Nachbarstaaten hat Chinas Aufstieg zwei Seiten. Einerseits verringern günstige Importe aus Asien die Kosten für Solarmodule, was Hausbesitzerinnen, Unternehmen und Stadtwerke begrüßen. Anlagen auf Dächern und Freiflächen können dadurch schneller wirtschaftlich betrieben werden.
Andererseits steigt die Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferland. Eskalieren Handelskonflikte oder treten Exportbeschränkungen in Kraft, könnte dies den Ausbau in Europa verlangsamen. Deshalb versucht die Politik, eigene Produktionskapazitäten wieder aufzubauen – ein kostspieliger und schwieriger Weg.
Wer bei den Technologien für grünen Strom vorne liegt, bestimmt auch die Spielregeln der Energiepolitik von morgen.
Für die deutsche Industrie steht mehr auf dem Spiel als günstige Kilowattstunden. Energieintensive Branchen wie Chemie, Stahl und Zement richten ihre Investitionsentscheidungen zunehmend daran aus, wo dauerhaft genügend grüner Strom verfügbar ist. Bleibt Europa beim Ausbau zurück, könnten Werke an Standorte verlagert werden, an denen klimafreundliche Energie zuverlässiger fließt.
Konkrete Folgen im Alltag
Die Diskussion über globale Rekorde erscheint abstrakt, hat jedoch direkte Auswirkungen. Dazu gehören:
- Strompreise werden zunehmend von Wind- und Solarstrom beeinflusst.
- Wer eine Wärmepumpe oder ein Elektroauto plant, achtet stärker darauf, wie „grün“ der Strommix ist.
- Stadtwerke investieren in eigene Solarparks, um weniger abhängig von Preisschwankungen zu sein.
- Unternehmen werben mit klimaneutraler Produktion und brauchen dafür Verträge über erneuerbaren Strom.
Je stärker Länder wie China ihre Kapazitäten ausweiten, desto mehr verschieben sich die Märkte für Technik, Rohstoffe und Investitionen. Kupfer für Leitungen, seltene Erden für Generatoren und Silizium für Solarmodule rücken damit in den Mittelpunkt geopolitischer Interessen.
Wie die Entwicklung weitergehen könnte
Die Internationale Energieagentur erwartet, dass der Anteil erneuerbarer Energien an der weltweiten Stromerzeugung in den nächsten Jahren deutlich zunimmt. Ob Europa wieder näher an die Spitze gelangt, hängt von konkreten Maßnahmen ab: schnelleren Genehmigungen, einem stärkeren Netzausbau und klaren Signalen für Investitionen.
China macht deutlich, was möglich ist, wenn politische Ziele, Industrie und Finanzströme in dieselbe Richtung wirken. Die EU steht vor der Aufgabe, Klimaschutz, Naturschutz und Akzeptanz vor Ort so zu verknüpfen, dass aus ehrgeizigen Plänen tatsächlich neue Windräder, Solarfelder und Speicher werden – und der Rückstand im Wettbewerb um grünen Strom nicht weiter zunimmt.
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