Im Rahmen des „Rettungsplans“ für die Automobilindustrie, den die Europäische Union (EU) am 10. Dezember vorstellen will, rückt die Frage der Biokraftstoffe erneut in den Mittelpunkt. Sie ist seit Langem ein Streitpunkt zwischen der Industrie und der Europäischen Kommission.
CLEPA (Europäischer Verband der Automobilzulieferer) und VDA (Verband der Deutschen Automobilindustrie) haben sich zusammengeschlossen und fordern die „vollständige Anerkennung erneuerbarer Kraftstoffe“ in der EU-Regulierung der Kohlendioxid-(CO₂)-Emissionen. Dies soll sowohl Biokraftstoffe als auch synthetische Kraftstoffe (E-Fuels) einschließen.
Die gegenwärtige Diskussion dreht sich um fortschrittliche Biokraftstoffe, die aus organischen Abfällen statt aus landwirtschaftlichen Nutzpflanzen hergestellt werden. Letztere bezeichnete Transport & Environment (T&E) als „äußerst ineffizient“, da sie Entwaldung förderten und die Lebensmittelversorgung beeinträchtigten.
In ihrem Schreiben an die EU verlangen die Verbände, erneuerbare Kraftstoffe bei der CO₂-Minderung von Neuwagen anzurechnen. Über einen „Kohlenstoff-Korrekturfaktor“ würde der offizielle Emissionswert entsprechend dem Anteil erneuerbarer Kraftstoffe in der EU gesenkt. Darüber hinaus sollen Fahrzeuge, die ausschließlich mit diesen Kraftstoffen betrieben werden, als emissionsfrei gelten.
„Die Integration erneuerbarer Kraftstoffe in die CO₂-Regulierung für leichte Fahrzeuge ist nicht nur entscheidend, um Europas Klimaziele effizient zu erreichen, sondern auch, um Innovation, industrielle Kapazitäten und Wettbewerbsfähigkeit im gesamten Automobilzuliefersektor zu stärken“, erklären die Verbände.
Eine Sackgasse für Biokraftstoffe?
T&E reagierte auf die Forderung mit einem Bericht, der eine Änderung der Regeln als „Katastrophe“ bewertet. Nach Ansicht der Nichtregierungsorganisation sind „Biokraftstoffe in Autos eine Sackgasse“. Simon Suzan, einer der Verfasser des Berichts, warnte, die „EU ist nur wenige Schritte davon entfernt, einen schrecklichen Fehler zu begehen“.
Zu den genannten Problemen gehört zunächst die starke Abhängigkeit von Importen: 60 % der heute verwendeten Biokraftstoffe stammen von außerhalb der EU. Auch mehr als 80 % des für Biokraftstoffe eingesetzten Altspeiseöls werden importiert.
T&E weist zudem auf die Betrugsrisiken bei diesen Einfuhren hin. Biokraftstoffe könnten aus landwirtschaftlichen Nutzpflanzen gewonnen, jedoch als abfallbasierte Produkte verkauft werden. Hinzu komme die geringe Wirksamkeit bei der CO₂-Reduktion, die im Durchschnitt zwischen 20 % und 40 % liege.
Die Organisation erinnert außerdem daran, dass das nachhaltige Angebot an Rohstoffen begrenzt ist: Ein mit Biokraftstoff aus tierischen Fetten betriebenes Auto würde jährlich die Menge benötigen, die 120 Schweinen entspricht. Bei einem Fahrzeug mit Biokraftstoff aus gebrauchtem Speiseöl entspräche dies dem täglichen Frittieren von 25 kg Kartoffeln.
Darüber hinaus reichen die derzeit begrenzten Mengen nachhaltig erzeugter fortschrittlicher Biokraftstoffe nicht aus, um Bereiche wie die Luftfahrt und die Schifffahrt zu versorgen. Diese Sektoren hätten in dieser Lösung ihre einzige realistische Möglichkeit zur Dekarbonisierung – „geschweige denn Autos“, ergänzte die Organisation.
Sollten diese Kraftstoffe als CO₂-neutral eingestuft werden, könnten die CO₂-Emissionen laut T&E bis 2050 um bis zu 23 % steigen. Für den europäischen Automobilsektor wären sie damit eine wenig wirksame Lösung.
In einem Gespräch mit Pedro Marques, Forscher am INEGI (Institut für Wissenschaft und Innovation im Maschinenbau und in der Industrieproduktion), konnten wir das Thema in einer unserer Auto Talks näher beleuchten. Hier erfahren Sie, worum es geht:
Synthetische Kraftstoffe als Ausnahme?
Lucien Mathieu, Direktor für Pkw bei T&E, sieht in synthetischen Kraftstoffen – die als CO₂-neutral gelten, wenn sie mit erneuerbarer Energie hergestellt werden – eine „Art Trojanisches Pferd“, um Biokraftstoffen den Weg zu ebnen. Dort liege das größte Volumen und Marktpotenzial.
Die Organisation empfiehlt der EU, jede Einbeziehung von Biokraftstoffen in die CO₂-Regeln zurückzuweisen. Sollten nach 2035 Ausnahmen für „CO₂-neutrale Kraftstoffe“ zugelassen werden, müssten sie streng begrenzt sein: auf höchstens 5 % der Verkäufe und ausschließlich für Fahrzeuge, die mit zu 100 % CO₂-neutralen synthetischen Kraftstoffen fahren. Für Biokraftstoffe dürfe es keinen Spielraum geben. Den vollständigen Bericht können Sie über diesen Link lesen.
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