Eine Baumaßnahme, die Strom von einem Windpark entlang der Küste von Norfolk in England transportieren soll, hat etwas freigelegt, mit dem an diesem Abschnitt niemand gerechnet hatte. Noch vor der Verlegung der Erdkabel hoben Archäologen vorsorglich Suchgräben in einem als wenig vielversprechend eingestuften Gebiet aus – und stießen auf ein vollständiges römisches Landgut mit Wohnhaus, landwirtschaftlichen Anlagen und sogar einem Badekomplex.
Weshalb rechneten die Archäologen kaum mit Funden?
Die Untersuchungen fanden nahe der Stadt Dereham entlang einer knapp 64 Kilometer langen unterirdischen Kabeltrasse statt. Historische Karten, schriftliche Quellen und magnetometrische Untersuchungen lieferten an dieser Stelle keine besonders auffälligen Hinweise, weshalb zunächst von einer vergleichsweise unkomplizierten Untersuchung ausgegangen wurde.
Das änderte sich 2021, als in den ersten Testgräben große Mengen römischer Dachziegel zutage kamen. Jessica Lowther von Headland Archaeology erklärte gegenüber dem Eastern Daily Press, dass schnell klar geworden sei, dass sich unter der Erde etwas Bedeutendes befinde: Während der Grabungen tauchten immer weitere Fragmente auf.
Was lag unter der Kabeltrasse verborgen?
Mit der Ausweitung der Arbeiten zeichnete sich ein groß angelegtes römisches Landgut ab. Nach Angaben von Lowther umfasste der Fundplatz eine Villa mit mehreren Nebengebäuden, einen Badekomplex und eine römische Straße. Zudem gab es deutliche Spuren von Tätigkeiten rund um die Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln.
- Die Ausgrabung brachte ein großes römisches Wohngebäude ans Licht, das von Nebengebäuden umgeben war.
- Ein Badekomplex deutete auf einen Komfort hin, der für einen gewöhnlichen ländlichen Betrieb überdurchschnittlich war.
- Hinweise auf Anbau und Lebensmittelverarbeitung sprechen für eine umfangreiche landwirtschaftliche Nutzung.
- Auch eine römische Straße gehörte zu den auf dem Gelände entdeckten Strukturen.
In einer von der Smithsonian Magazine zitierten Mitteilung erklärte das Energieunternehmen RWE, der Fundort sei wohlhabend gewesen und über einen langen Zeitraum genutzt worden. Die Belege reichten von der Eisenzeit bis in die römische Epoche. Die wichtigste Nutzungsphase des Landguts soll um das Jahr 250 gelegen haben.
Warum besaß die römische Villa einen Badekomplex?
Bäder waren ein wesentlicher Bestandteil des römischen Lebens und fanden sich nicht ausschließlich in großen Städten. Ländliche Anwesen wohlhabender Familien konnten private Einrichtungen für Körperpflege, gesellschaftliches Zusammensein und die Darstellung ihres Status besitzen. Der Badekomplex und die Größe des Wohnhauses stützen daher die Annahme, dass das Gut vergleichsweise vermögenden Eigentümern gehörte.
Jessica Lowther verwies außerdem auf die zahlreichen Funde zum Anbau und zur Verarbeitung von Nahrungsmitteln. Das Team deutete den Fundplatz deshalb als großes landwirtschaftliches Anwesen. Bei den Untersuchungen geborgene Getreidereste, Tierknochen und Austernschalen helfen dabei, Ernährung, Handel und wirtschaftliche Aktivitäten der Region nachzuvollziehen.
Was hatte es mit dem Objekt namens „Norfolk Nessie“ auf sich?
Zu den Artefakten gehörte ein gebogenes, grünlich schimmerndes Bronzestück, dessen Form sofort an die Silhouette erinnerte, die üblicherweise mit dem Ungeheuer von Loch Ness verbunden wird. Die Archäologen gaben dem Gegenstand den Spitznamen „Norfolk Nessie“, auch wenn zwischen dem römischen Fundstück und der bekannten schottischen Legende keinerlei historischer Zusammenhang besteht.
Tatsächlich handelt es sich bei dem Artefakt wahrscheinlich um den Griff eines Bronzegefäßes. Weitere Gegenstände unterstrichen den gehobenen Charakter des Fundplatzes, darunter ein Silberring und ein kleiner Löwenkopf aus Bronze. Dieser diente vermutlich als dekorative Stütze eines Stuhls oder eines anderen Möbelstücks, das von den Bewohnern genutzt wurde.
Was enthüllte das moderne Bauprojekt über zweitausend Jahre Geschichte?
Die Kabeltrasse brachte weit mehr als die römische Villa ans Licht. An verschiedenen Stellen fanden die Archäologen eine neolithische Struktur mit Keramik und Steinwerkzeugen, Grabhügel aus der Bronzezeit sowie verlassene mittelalterliche Dörfer. Nach Ansicht von RWE trägt dieses Gesamtbild dazu bei, nachzuzeichnen, wie Menschen in der Region über Jahrtausende lebten, Landwirtschaft betrieben und Handel trieben.
Projektleiter Jon Darling erklärte, die archäologischen Arbeiten hätten auf außergewöhnliche Weise gezeigt, wie sich diese Landschaft im Lauf der Zeit verändert habe. Der Kontrast lässt sich kaum übersehen: Eine Infrastruktur, die Energie der Zukunft transportieren soll, führte ausgerechnet durch ein römisches Landgut, dessen Existenz niemand erwartet hatte. Mitunter reichen wenige Meter Kabel aus, um ein Fenster in eine fast zweitausendjährige Vergangenheit zu öffnen.
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