Das Kronendach eines Waldes scheint weit entfernt von Müll am Straßenrand, verbrannten Abfällen und weggeworfenen Getränkeflaschen. Kotproben gefährdeter mexikanischer Brüllaffen in Veracruz belegen jedoch, dass Plastikverschmutzung selbst diesen hoch gelegenen Rückzugsort erreicht hat.
Forschende wiesen Mikroplastik in mehr als 90 Prozent von 66 Proben nach, die im Biosphärenreservat Los Tuxtlas gesammelt wurden. Dies ist der erste methodisch belastbare Nachweis dieser Kontamination bei einem gefährdeten Primaten in Amerika. Das Ergebnis belegt allerdings eine Exposition, nicht eine nachgewiesene Erkrankung.
Plastik im Kronendach
Mikroplastik bezeichnet Kunststofffragmente oder -fasern mit einer Größe von weniger als etwa 0,5 Zentimetern – ungefähr so breit wie ein Radiergummi am Bleistiftende. Die Partikel sind oft nahezu unsichtbar, können sich aufgrund ihrer geringen Größe jedoch durch Wasser, Boden und Luft bewegen. Auch ein geschützter Wald ist kein hermetisch abgeschlossener Raum.
Mexikanische Brüllaffen besitzen schwarzes Fell, lange Greifschwänze und Rufe, die über etwa 1,9 Kilometer zu hören sein können. Da sie fast ihr gesamtes Leben hoch oben in den Bäumen verbringen und überwiegend Blätter sowie Früchte fressen, war der Fund besonders überraschend.
„Wir hatten nicht erwartet, Mikroplastik im Kot zu finden“, sagte die Forscherin María Fernanda Álvarez-Velázquez. Ihr Team vom Instituto de Ecología, das mit Fachleuten der Universidad Autónoma de Campeche zusammenarbeitete, war davon ausgegangen, dass das Leben im Kronendach einen gewissen Schutz vor Schadstoffen in Bodennähe biete.
So wies das Team Mikroplastik nach
Die Forschenden sammelten an mehreren Standorten 66 Kotproben, ohne die Tiere einfangen zu müssen. Kot kann zeigen, was das Verdauungssystem passiert hat, und stellt damit eine praktikable sowie weniger störende Methode dar, die Belastung von Wildtieren zu erfassen.
Im Labor setzte das Team einen Infrarottest namens ATR-FTIR ein. Vereinfacht ausgedrückt liest er den chemischen Fingerabdruck eines Materials und hilft Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern festzustellen, ob ein Partikel Kunststoff statt Pflanzenmaterial, Erde oder anderem Schmutz ist.
In mehr als 90 Prozent der Proben wurde Mikroplastik eindeutig bestätigt. Die Analyse ergab 31 Polymertypen, also unterschiedliche Gruppen von Kunststoffmaterialien; 12 davon gehörten zu einer der chemischen Gefahrenkategorien der Studie.
Ein früherer Hinweis aus Brasilien
Völlig unerwartet kam die Entdeckung nicht. Eine im September 2025 online veröffentlichte Studie fand grüne Kunststofffasern in den Mägen von zwei roten Brüllaffen aus einem saisonal überfluteten Amazonaswald in Brasilien.
Diese frühere Untersuchung lieferte den ersten gemeldeten Nachweis der Aufnahme von Mikroplastik durch einen baumbewohnenden Primaten.
Die mexikanische Studie ergänzt dies um eine deutlich größere, nicht invasive Stichprobe und eine etablierte Methode zur Laborbestätigung. Damit erhalten Forschende ein belastbareres Bild der Exposition an mehreren Standorten einer gefährdeten Unterart.
Wie Plastik in das Kronendach gelangen könnte
Wie erreicht Plastik ein Tier, das nur selten aus den Bäumen herabsteigt? Die Forschenden vermuten, dass Wind winzige Partikel über die Landschaft trägt und sie auf Blättern und Früchten ablagert, die die Affen anschließend unbeabsichtigt fressen.
Regen könnte Partikel auf Nahrungsoberflächen spülen. Auch die soziale Fellpflege könnte Plastik aus dem Fell in den Mund übertragen; zudem bleibt das Einatmen eine weitere Möglichkeit.
Die Studie ordnete einzelne Partikel keiner Quelle zu. Bei diesen Übertragungswegen handelt es sich daher um fundierte Hypothesen, nicht um endgültige Beweise.
Polyethylen war das im Kot am häufigsten gemeldete Mikroplastik. Das Team dokumentierte außerdem weggeworfene Flaschen aus PET, dem Kunststoff, der üblicherweise für Getränkebehälter verwendet wird.
Nach Angaben der Forscherin könnte das offene Verbrennen von Müll kunststoffhaltige Partikel in die Luft freisetzen und damit einen weiteren möglichen Weg von Alltagsverpackungen ins Kronendach schaffen.
Was das Ergebnis nicht belegt
Macht Mikroplastik die Affen also krank? Diese Frage kann die Studie bislang nicht beantworten. Der Nachweis von Partikeln im Kot dokumentiert die Exposition und den Durchgang durch den Darm, belegt jedoch weder eine Anreicherung von Plastik in Organen noch eine verursachte Krankheit.
Auch die Gefahrenbewertung muss sorgfältig eingeordnet werden. Sie ordnet Kunststoffgruppen anhand chemischer Gefahreninformationen ein, ist aber kein medizinischer Test der Affen. Die zwölf markierten Polymertypen sind ein Anlass für weitere Untersuchungen, keine Diagnose.
Als Nächstes benötigen Forschende vergleichbare Proben aus Luft, Blättern, Früchten, Wasser und Boden sowie Daten zur Tiergesundheit. Solche Arbeiten könnten aufzeigen, wo die Exposition beginnt, ob sie sich mit den Jahreszeiten verändert und ob sie Stress, Ernährung, Fortpflanzung oder Überleben beeinflusst.
Ein gefährdeter Primat unter Druck
Der mexikanische Mantelbrüllaffe wird von der Internationalen Union für die Bewahrung der Natur als gefährdet eingestuft, vor allem weil schwerwiegender Lebensraumverlust und Fragmentierung seinen Wald in kleinere Teilflächen zerschnitten haben. Er stand zudem auf der Liste der 25 weltweit am stärksten gefährdeten Primaten für 2023 bis 2025.
Mexikos offizielle Liste NOM-059 führt Alouatta palliata bereits in der Kategorie P, was „vom Aussterben bedroht“ bedeutet.
Dieser bundesweite Schutzstatus bestand schon vor der Mikroplastikstudie von 2026. Plastik ist daher nicht der Ursprung der Naturschutzkrise, könnte aber eine weitere zusätzliche Belastung sein.
Der Verlust von Lebensraum bleibt die deutlichere und besser dokumentierte Bedrohung. Tieren, die mit schrumpfendem Lebensraum, Jagd und weiteren Umweltbelastungen konfrontiert sind, bleibt jedoch möglicherweise weniger Spielraum, ein neues Problem abzufangen. Entscheidend ist: Das Plastiksignal lässt sich nun messen.
Was der Schutz jetzt erfordert
Los Tuxtlas bewahrt Teile des letzten repräsentativen Regenwaldes in Veracruz sowie Nebelwald, Mangroven, vulkanisches Gelände und Lagunen.
Die Wiederherstellung von Wäldern und das Monitoring von Wildtieren bleiben unverzichtbar. Die neuen Hinweise zeigen jedoch, dass Naturschutz nicht am Rand eines Waldfragments enden darf.
Die leitende Forscherin hat dazu aufgerufen, die Ergebnisse in verständlicher Sprache zu vermitteln und gemeinsam mit örtlichen Gemeinschaften Managementpläne zu entwickeln.
Praktische Maßnahmen könnten darin bestehen, die Müllverbrennung zu verringern, Deponien aus Waldfragmenten fernzuhalten und die Entsorgung verpackter Abfälle zu verbessern.
Die umfassendere Lösung muss auch weiter vorn ansetzen: durch politische Maßnahmen, die unnötige Plastikproduktion senken und verhindern, dass Abfall zu Staub auf einem Blatt wird.
Die vollständige Studie erschien im Mai 2026 im Journal of Hazardous Materials Advances.
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