Während ich diesen Artikel schreibe, wird ein Barrel Brent unter 100 US-Dollar gehandelt. Genauer gesagt bei rund 97 US-Dollar – bis ich fertig bin, könnte der Preis sogar noch niedriger liegen, ich werde gleich nachsehen. Trotzdem zahlen wir an diesem Montag an der Tankstelle im Durchschnitt fast zwei Euro pro Liter Benzin, während Diesel mit 2,09 Euro pro Liter einen neuen Rekord erreicht hat.
Ein Blick zurück auf den Juli 2008 ist aufschlussreich: Damals kostete ein Barrel Brent 147,50 US-Dollar und erreichte damit seinen bisherigen Höchststand. Nach Angaben der Generaldirektion für Energie und Geologie (DGEG) kostete Diesel in Portugal zu diesem Zeitpunkt 1,428 Euro je Liter, Benzin lag bei 1,525 Euro pro Liter. Obwohl Rohöl erheblich teurer war, waren die Kraftstoffe an der Zapfsäule also deutlich günstiger.
Warum Benzin und Diesel trotz günstigerem Brent teurer werden
Die naheliegende Frage lautet: Wohin fliesst unser Geld? Die einfache Antwort besteht darin, den Krieg, Iran, Donald Trump, Spekulation oder „die Märkte“ verantwortlich zu machen. Diese Faktoren erklären vieles, aber eben nicht alles. Wir müssen nach Brüssel schauen. Der Endpreis, den wir bezahlen, wird zunehmend durch politische Entscheidungen, steuerliche Weichenstellungen und vor allem durch die massive Schwächung der europäischen Raffineriekapazitäten bestimmt.
Im vergangenen Jahrzehnt hat Europa Raffineriekapazitäten abgebaut und sein Energiesystem umgestaltet, als würde die Nachfrage nach Mineralölprodukten geradlinig, vorhersehbar und schnell sinken. Das ist nicht geschehen. Bereits 2012 gab es genügend Warnungen, dass diese Entwicklung problematisch werden könnte – genau in jener Zeit begann Europa, Raffinerien zu schliessen, in denen Diesel produziert wurde. Wir stellten die Produktion ein und wurden zu Importeuren: Dieser Artikel fasst sämtliche Raffinerien zusammen, die in den vergangenen Jahren stillgelegt wurden, einschliesslich der Raffinerie von Matosinhos.
In fast allen Fällen handelte es sich um politische Entscheidungen. Die Folgen sind offensichtlich: geringere Sicherheitsreserven, stärkere Abhängigkeit von externen Schocks sowie eine höhere Anfälligkeit für logistische und geopolitische Krisen.
Jahrelang konnte Europa diesen Widerspruch hinnehmen, weil Lieferketten aus Russland oder den nordafrikanischen Staaten verfügbar waren. Historisch stabile, glaubwürdige und ausgesprochen zuverlässige Partner, nicht wahr …
Als sich diese Türen schlossen, wurde uns auf einmal klar, was längst hätte offensichtlich sein müssen: Eine Industrieregion kann nicht auf Raffineriekapazitäten verzichten und sich anschliessend überrascht zeigen, wenn diese Versorgungswege wegbrechen.
Europas Raffinerien, Steuern und die hohen Dieselpreise
Diesel ist deshalb nicht allein teuer, weil das Rohöl teurer geworden ist. Er kostet auch mehr, weil die Logistikkosten gestiegen sind, die Beimischung von Biokraftstoffen Kosten verursacht, die Steuerbelastung weiterhin extrem hoch ist und Europa beschlossen hat, seinen energiepolitischen Handlungsspielraum zu verkleinern.
Ja, der Krieg im Iran hat die Kosten in die Höhe getrieben. Dass wir an den Tankstellen jedoch Preisrekorde erleben, liegt auch an unseren politischen Entscheidungsträgern. Noch einmal: Dieses Szenario lag bereits 2012 auf dem Tisch. Wie das Sprichwort sagt, haben wir den Karren vor die Pferde gespannt. Das Problem ist nur, dass die Pferde der europäischen Wirtschaft weiterhin zu einem grossen Teil mit Diesel unterwegs sind. Sie lesen eben keine Nachrichten und ignorieren unsere aufgeklärten Vorreiter …
Es ist Zeit, unsere Politiker mit den Kosten ihrer Entscheidungen zu konfrontieren. Ohne Themen vermischen zu wollen, aber weiterhin bei der Energiepolitik: Man schaue auf das Beispiel der Kernenergie.
Ursula von der Leyen, die derzeitige Präsidentin der Europäischen Kommission, gehörte zehn Jahre lang den Regierungen von Angela Merkel an. Damit war sie Teil derselben Regierung und politischen Phase, in der einige der verheerendsten energiepolitischen Entscheidungen Europas getroffen wurden – darunter 2011 der Beginn des Ausstiegs aus der Kernenergie. Heute vertritt sie, ohne rot zu werden, das genaue Gegenteil: Kerntechnik sei neben erneuerbaren Energien ein grundlegender Pfeiler für die Energieunabhängigkeit und industrielle Wettbewerbsfähigkeit des Kontinents.
Sie ist damit nicht allein. Emmanuel Macron gewann seine erste Präsidentschaftswahl mit der Forderung nach einem Ende der Kernenergie und seine zweite mit der Verteidigung genau des Gegenteils. Natürlich darf jeder seine Meinung ändern, doch von unseren Regierenden muss man erwarten, dass sie besser informiert sind.
Niemand entschuldigt sich, niemand räumt einen Fehler ein. Bequemer ist es, anderen oder den Ereignissen der Woche die Schuld zuzuschieben. Vor allem erspart das die unangenehmere Frage: Was, wenn wir einen wesentlichen Teil dieser Krise selbst verursacht haben? Durch eine politische Klasse, die sich weder verändert noch Fehler eingesteht. Inzwischen liegt der Barrelpreis bereits bei 96,45 US-Dollar und fällt weiter. An den Tankstellen gilt das nicht. Vielleicht nächste Woche.
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